Artikel aus St. Georg

    Ausgabe vom Dezember 2003


Offen für alle?

Die Offenstallhaltung steht nach wie vor im Ruf, für Turnierpferde ungeeignet zu sein. Doch in der öffentlichen Meinung vermischen sich Fakten und Vorurteile.

Was ist Wahrheit, was Legende?


Eddy steht am Zaun und lässt die Ohren hängen, während ihm die Herbstsonne den Rücken wärmt. Das war nicht immer so: "Als ich ihn zur Ausbildung her bekam, war er das reinste Nervenbündel. Stehen bleiben beim Aufsteigen war unmöglich, aber heute ist er lammfromm", sagt Heike Theurer und man sieht ihr an, sie ist ein bisschen stolz auf die Veränderung. Das Geheimnis? Training? Futter? Nein, viel simpler: Eddy steht im Offenstall. Heike Theurer ist 46 Jahre alt, Studienrätin und passionierte Turnierreiterin. Dressur, Military, Springen. alles ist sie bis Klasse S geritten, war im Kader Niederbayem-Oberpfalz. Ihre Turnierpferde hat sie stets im Offenstall gehalten. "Mein erstes Pony hatte ich mit 15. Das hat nicht lange in einer geschlossenen Box gewohnt", erinnert sie sich.
In der Tumierszene fällt sie mit dieser "Macke" auf wie ein kariertes Veilchen. Denn gerade unter sportlich ambitionierten Reitern gilt der Offenstall noch immer als "No-Go" für Pferde, die Leistungen erbringen sollen: "Mit dem dicken Fell kann man die Pferde im Winter nicht trainieren, weil sie zu schnell schwitzen." "Wenn man im Winter mit einem Zottelbär Turniere reitet, behandeln die Richter einen nachteilig." "Ohne Decke friert mein Pferd. Erkältungen kann ich mir nicht leisten." "Wenn die immer draußen sind, verausgaben sie sich und werden faul." "Was, wenn mein M-Pferd auf der Koppel einen Tritt abbekommt?"
Die Offenstallhaltung steht nach wie vor in dem Ruf, sich nur für "Robustpferde" und freizeitmäßig genutzte Warmblüter zu eignen. "Das Bild, das sich die Leute machen, wenn sie das Wort Offenstall hören, beinhaltet matschige Paddocks, kleine Verschläge und eingeschneite Pelztiere", weiß Hanns Ullstein jr. von der Laufstall-Arbeitsgemeinschaft e.V. (LAG) "Dieses Bild ist schon lange nicht mehr zeitgemäß."
Kampf dem Knast
Hanns Ullstein setzt sich seit Jahren für eine artgerechtere Pferdehaltung ein. 1989 gründete er die Laufstall-Arbeitsgemeinschaft, mit dem Ziel, vergitterte Innenboxen in den nächsten Jahren von deutschen Höfen zu vertreiben. Für den Frischluftfanatiker steht fest, dass die herkömmliche Haltungsform das Pferd genauso quält wie Gefängnisse den Menschen. "Ob man seinem Pferd erlaubt, selbst zu entscheiden, wann es gerade drinnen oder draußen sein möchte, ist vor allem eine Frage der persönlichen Einstellung", resümiert er seine Erfahrungen. Sicher sei es einfacher, ein S-Springpferd im Winter dick einzupacken und in eine Box zu sperren. Gänzlich unmöglich sei die Haltung im Freien aber auch für solche Pferde nicht.

Helle Plastikstreifen bilden einen Windschutz vor dem
Eingang. Die Pferde gewöhnen sich schnell daran.

Einer, der den Beweis antritt, ist Jörg Rönnefarth aus Tuningen, einem kleinen Ort im Schwarzwald in 800 Meter Höhe. Seit 1991 ist der Reitlehrer von den Vorteilen des Offenstalls überzeugt. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, seine Pferde vom Husten zu kurieren, traf er auf diese Haltungsform. Nachdem er eins seiner Reitschulpferde lediglich mit frischer Luft vor dem Schlachter bewahrt hatte, verschaffte er nach und nach allen Tieren auf seinem Hof, einschließlich denen, die höchste Prüfungen gingen, einen Zugang ins Freie.
"Seitdem sind Ammoniak und Staublungen für uns kein Problem mehr", erzählt er. Die neuen Probleme, die sich durch die offene Haltung ergaben, haben sich nach und nach fast von allein gelöst. "Viele Reiter haben Angst vor Verletzungen durch Schläge bei kleinen Keilereien. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass bei ausreichend Platz zum Ausweichen diese Blessuren kaum ins Gewicht
fallen, verglichen mit dem Schaden, den wir früher durch Husten, Lahmheiten und Stallverletzungen hatten", erzählt Rönnefarth. Auch der Winterpelz sei kein Problem mehr. "Am Anfang haben wir die Tumierpferde noch eingedeckt", erinnert er sich. "Irgendwann haben wir es dann bleiben lassen, weil wir merkten, dass es auch anders ging." Zum Beispiel mit längeren Schrittphasen nach der Arbeit. "Dann hab ich es mal drauf ankommen lassen und sie im Winter nach der Arbeit kühl, aber noch feucht auf den Paddock gebracht. Passiert ist rein gar nichts." Keines seiner Pferde hat sich je erkältet. Im Gegenteil, die Tiere seien wesentlich widerstandsfähiger geworden.
Gelobt sei, was hart macht
Verwunderlich ist das eigentlich nicht. Immerhin muss das Pferd in seinem natürlichen Lebensraum, der Steppe, Temperaturschwankungen von bis zu 30 Grad am Tag aushalten. Die Fettdrüsen am Körper bieten dazu einen wirksamen Schutz gegen Nässe. "Und wenn ich doch mal einen dabei habe, den ich nicht lufttrocknen möchte, dann stelle ich ihn in eine geschlossene Box, bis er nicht mehr nass ist und lasse ihn dann raus", erläutert Rönnefarth. Zusätzlichen Schutz vor Erkältungen bietet großzügiges Füttern, dass das Unterhautfettgewebe stärkt und so den Wärmehaushalt ausgleicht.
Dass seine Pferde mir ihrem Wuschelpelz im Winter nicht wie aus dem Ei gepellt wirken, ist Jörg Rönnefarth nicht so wichtig, und er gibt zu, dass die Wintersaison vielleicht doch anders ausfällt als das bei Boxenpferden der Fall ist: "Sicher, gerade in der Dressur ist ein dickes Fell nicht so gern gesehen. Aber das Wohlbefinden meiner Pferde ist mir wichtiger, als auch im Winter Turniere zu reiten."
Laufleistung
18 Stunden fressen und dabei immer gemächlich auf Wanderschaft- darauf ist der Organismus des Steppentieres Pferd eigentlich eingerichtet. Die Realität sieht ganz anders aus:
Haltungsform Strecke *
Naturnahe Haltung 6-17 km
24-Stunden-Weidegang 8,4 km
Offenlaufstall mit Gliederung in Funktionsbereiche 4,8 km
Tagesweide 3,5 km
Offenlaufstall ohne Gliederung in Funktionsbereiche 1,8 km
Einzelbox 0,17 km
* Täglich zurückgelegte Wegstrecke von Pferden bei unterschiedlicher Haltung. (Rehm 1981, Kusunose et al. 1985, Rodewald 1989, Frentzen 1994, zit. nach Zeitler-Feicht 2003
Eine Einschätzung, die mehr als 90 Prozent aller Reiter teilen, glaubt man der FN Marktanalyse von 2001, wonach die Unterbringung des Pferdes das wichtigste Kriterium hei der Wahl einer Reitanlage darstellt. Keiner der Befragten hatte eine Einzelbox zur Stallgasse als wünschenswert angekreuzt. Paddockboxen und Offenstallhaltung hingegen standen höher im Kurs als alle anderen Möglichkeiten der Pferdeunterbringung.
Dass ein Pferd im Offenstall weniger unter Stress leidet und damit umgänglicher wird als eines, das nur eine Stunde am Tag aus seiner Box heraus kommt, ist eine Erfahrung, von der vor allem Schulbetriebe immer häufiger profitieren. Missgünstige Schulpferde, die den Reitschülern das Leben zur Hölle machen, gehören in Betrieben, die auf Offenstallhaltung umgestellt haben, der Vergangenheit an.
"Pferde sind Lauftiere, Herdentiere, Klimawiderständler, Dauerfresser, Wächter und Frischluftler", sagt Thorsten Hinrichs, der sich mit der Entwicklung moderner Stallformen auseinandersetzt. Und Pferde seien von Hause aus erstens feige und zweitens faul. Wird das Pferd nicht bedroht, bewegt es sich beim Fressen bis zu 16, manche Experten sagen sogar bis zu 30 Kilometer am Tag voran. Dabei ist es nie allein, sondern sucht den Kontakt und die Berührung von Artgenossen. Daraus den Schluss zu ziehen, auf der Weide würden Pferde automatisch ein ähnliches Laufpensum absolvieren, ist falsch.
© HIT 2004